Catégorie : générale

  • Eine Asylbewerberin berichtet von ihrer Ankunft in Bundesasylzentren

    In dieser neuen Folge des Podcasts «Das Asylsystem in der Schweiz: Echos des Asyls» hören wir den Erfahrungsbericht einer jungen Frau, die die Bundesasylzentren (BAZ) in Boudry und Vallorbe durchlaufen hat. Sie erzählt von ihren ersten Monaten in der Schweiz: Als sie schwanger in die Schweiz kam, führte ihr Weg zwischen dem Spital und den Bundesasylzentren hin und her.

    Sie schildert die schwierigen Aufnahmebedingungen für eine junge Mutter mit einem Neugeborenen. Ausserdem spricht sie über ihre Zukunftsperspektiven und ihre Pläne für das Leben in der Schweiz.

    Das Gespräch wurde am 3.10.26 von F. Quinche von Vox ethica geführt.

    Ergänzend zu den Gesprächen mit Menschen, die im Asylbereich tätig sind – sei es in der Verwaltung der Zentren oder aufseiten der Betreuungspersonen und der Mitarbeitenden der Kirchen –, schien es uns selbstverständlich, auch Asylsuchenden selbst das Wort zu geben, um ihre Erfahrungen und Perspektiven sichtbar zu machen. Anhand unterschiedlicher Lebenswege soll die Vielfalt der Erfahrungen aufgezeigt werden.

    Tatsächlich gibt es nur wenige Orte, an denen Asylsuchende öffentlich über ihre Aufnahmebedingungen sprechen können. Selbst nach der Anerkennung als Flüchtling fällt es besonders schwer, sich öffentlich zu äussern, insbesondere aus Angst vor möglichen Konsequenzen. Deshalb werden die meisten dieser Erfahrungsberichte anonym veröffentlicht.

    Aus ethischer Sicht scheint es uns jedoch unabdingbar, denjenigen Menschen eine Stimme zu geben, die unmittelbar von einem Verwaltungssystem betroffen sind – insbesondere dann, wenn sie sich in einer besonders verletzlichen Situation befinden.

    Darüber hinaus bieten die geschilderten schwierigen Situationen auch Anlass, über konkrete Verbesserungen und mögliche Anpassungen des bestehenden Systems nachzudenken.

  • Un nouvel épisode du Podcast « Echos de l’asile en Suisse »

    Un nouvel épisode du Podcast « Echos de l’asile en Suisse »

    Cet épisode propose le témoignage d’une jeune femme qui est passée par les Centres fédéraux pour requérants d’asile (CFA) de Boudry et de Vallorbe. Elle raconte son arrivée avec son compagnon.

    Enceinte de plusieurs mois, elle décrit son parcours difficile entre l’hôpital et les CFA : les conditions d’accueil précaires d’une jeune maman avec un nouveau-né. Elle présente aussi ses perspectives et projets d’avenir en Suisse. Entretien réalisé le 3.10.26 par F. Quinche de Vox ethica.

    En complément des entretiens de personnes qui travaillent dans le domaine de l’asile, que ce soit dans l’administration des centres ou du côté des aidants ou des personnes travaillant pour les Églises, il nous a semblé important de donner également la parole aux requérant.e.s d’asile, afin de montrer leur vécu et leurs perspectives.

    En effet, rares sont les lieux où ils peuvent s’exprimer publiquement sur leurs conditions d’accueil. Même si ils obtiennent le statut de réfugié, cette expression s’avère difficile, notamment par crainte des possibles conséquences. C’est pourquoi la majorité de ces témoignages seront anonymisés.

    D’un point de vue éthique donner la parole aux personnes directement concernées par un système, surtout lorsqu’elles sont particulièrement vulnérables, nous semble absolument nécessaire.

    Par ailleurs les situations difficiles décrites sont un moyen de penser des amélioration concrètes ou modifications qui pourraient être apportées au système d’accueil actuel.

  • Das Schweizer Asylsystem: eine Spurensuche l Folge 2: Präsent sein, zuhören, Brücken bauen.

    Das Schweizer Asylsystem: eine Spurensuche l Folge 2: Präsent sein, zuhören, Brücken bauen.

    Nach dem Blick auf das Verfahren in Folge 1 wechselt die Perspektive: zu den Menschen, die das Asylverfahren durchlaufen, und zu jenen, die sie dabei begleiten. Florian Lüthi spricht mit Irene Neubauer, Theologin, Religionswissenschaftlerin und Anthropologin. Seit 2018 ist sie in der Asylseelsorge im Raum Bern tätig, zuletzt im Asylzentrum Kappelen bei Lyss; heute ist sie pensioniert und arbeitet in Stellvertretung weiter.

    Sie erzählt, wie Seelsorge ohne eigenen Raum funktioniert, warum das Seelsorgeteam nie nach Fluchtgründen fragt und was die kirchliche Trägerschaft an Vertrauen und Unabhängigkeit ermöglicht. Es geht um Dublin-Entscheide und kurze Beschwerdefristen, um eine auf der Flucht getrennte Familie, um Ausschaffungen und um die Ohnmacht, die man gemeinsam aushalten muss. Zur Sprache kommen auch das Zusammenleben vieler Kulturen und Religionen auf engem Raum, die Verflechtung der Schweiz mit den Ursachen von Flucht und konkrete Wünsche: mehr Begegnung statt Abschottung, bezahlbare Mobilität.

    Hinweis: Das Gespräch wurde im Juni 2026 aufgezeichnet, vor der Volksabstimmung vom 14. Juni 2026 über die Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!».

    Ausha

    Kapitel

    00:00 Intro

    01:54 Ein Leben mit Migration: Herkunft und Weg in die Asylseelsorge

    06:49 Was sich verändert hat

    09:17 Ein Arbeitstag im Bundesasylzentrum – und die Haltung dahinter

    13:31 Was die Menschen beschäftigt

    16:31 Wie Seelsorge wahrgenommen wird

    18:25 Trauma: Möglichkeiten und Grenzen der Seelsorge

    22:30 Eine auf der Flucht getrennte Familie

    25:21 Negative Entscheide und Ausschaffungen

    29:07 Menschlichkeit

    32:03 Zusammenleben vieler Kulturen auf engem Raum

    36:38 Zusammenarbeit und Unabhängigkeit

    39:07 Unterstützung und Grenzen im institutionellen Rahmen

    40:43 Zeugin, Anwältin, Begleiterin

    43:08 Die Rolle der Kirchen

    45:50 Politischer Kontext und Wünsche

    50:36 Konkrete Verbesserungen

    52:23 Was Kraft gibt

    53:58 Outro

  • Vom Sonnengesang zu Laudato si’

    Vom Sonnengesang zu Laudato si’

    Franz von Assisi, der Sonnengesang und die Enzyklika Laudato si’ – 800 Jahre Wirkungsgeschichte

    Am Abend des 3. Oktober 1226 starb Franz von Assisi bei der Portiuncula unterhalb der Stadt. Achthundert Jahre später ist er eine der wenigen Gestalten des Mittelalters, auf die sich Kirche, Kultur und Umweltbewegung gleichermassen berufen. Ein Text trägt diese Wirkung wie kein anderer: der Sonnengesang. Von ihm führt eine lange, nicht immer geradlinige Linie bis zur Enzyklika Laudato si’, mit der Papst Franziskus 2015 seinen Namenspatron ins Licht der kirchlichen Soziallehre rückte.

    Dieser Beitrag zeichnet die Linie nach. Er fragt, was auf dem Weg gewonnen und was geglättet wurde.

    Der Sonnengesang: ein Lob aus der Dunkelheit

    Die Entstehung des Canticum fratris solis lässt sich nicht genau datieren. Vermutlich dichtete Franziskus den Text in mehreren Etappen in seinen letzten Lebensjahren. Die Strophe über den Tod kam wohl erst kurz vor seinem Sterben 1226 hinzu (vgl. Volker Leppin, Franz von Assisi, S. 180–181). Der Sonnengesang gilt als einer der ältesten Dichtungstexte in italienischer Volkssprache. Überliefert ist er in einer Handschrift aus der Mitte des 13. Jahrhunderts (Assisi, Codex 338).

    Der Aufbau ist klar gegliedert:

    1. Gotteslob. Der Höchste allein verdient Lob, Ruhm und Ehre: « kein Mensch ist würdig, dich zu nennen. »
    2. Die Geschwister der Schöpfung. Bruder Sonne, Schwester Mond und die Sterne, Bruder Wind, Schwester Wasser, Bruder Feuer und « unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt. »
    3. Versöhnung. Lob für jene, die aus Liebe verzeihen und Krankheit und Bedrängnis ertragen.
    4. Schwester Tod. Selbst den Tod nennt Franziskus « Schwester » und lobt Gott durch ihn. Was Paulus den « letzten Feind » nennt (1 Kor 15,26), wird hier in die Geschwisterlichkeit der Schöpfung aufgenommen.

    Der Kernvers lautet im umbrischen Original:

    Laudato si’, mi’ Signore, per sora nostra matre terra, la quale ne sustenta et governa, et produce diversi fructi con coloriti flori et herba.

    Zwei Beobachtungen sind für die Wirkungsgeschichte entscheidend. Erstens das kleine Wort per: Es kann « durch », « für » oder « wegen » bedeuten. Lobt die Schöpfung Gott, wird Gott für sie gelobt, oder beides? Die Offenheit ist kein Mangel, sondern Programm. Zweitens die Sprache der Geschwisterlichkeit: Die Geschöpfe stehen nicht unter dem Menschen, sondern neben ihm. Der Mensch selbst tritt erst spät auf. Er erscheint nicht als Herrscher, sondern als einer, der verzeiht, leidet und stirbt.

    Und der Text blickt über den Tod hinaus: Wehe denen, die in Todsünde sterben, selig jene, denen « der zweite Tod » nichts anhaben kann. Das Gericht, das Franziskus und seiner Zeit selbstverständlich war, gehört zum Lied – auch wenn die Rezeption es meist ausblendet.

    Sprachlich steht der Sonnengesang in einer biblischen Tradition. Er erinnert an den Lobgesang der drei jungen Männer im Feuerofen (Dan 3,57–88) und an Psalm 148. Beide Texte rufen Sonne und Mond, Sterne, Wind, Wasser, Feuer und Erde zum Gotteslob auf. Franziskus kannte sie aus dem Stundengebet. Neu bei ihm ist zweierlei: Er spricht die Geschöpfe als Brüder und Schwestern an, und er lobt Gott per sie – nicht nur durch sie, sondern auch für sie.

    Der Sonnengesang ist damit kein ökologisches Manifest. Er ist ein Gebet, das die Welt von Gott her ordnet. Gerade darin liegt seine Sprengkraft.

    Acht Jahrhunderte Wirkungsgeschichte

    Rezeption: vom Heiligen zur Legende

    Schon zwei Jahre nach seinem Tod wurde Franziskus heiliggesprochen (1228). Thomas von Celano verfasste im Auftrag des Papstes die erste Lebensbeschreibung, die Vita prima (1228/29). Das früheste Bild, die Tafel von Bonaventura Berlinghieri in Pescia (1235), zeigt einen strengen, asketischen Mann. Bonaventuras Legenda maior (1263) wurde danach zur verbindlichen Lebensbeschreibung des Ordens.

    Mit der Zeit trat neben den historischen Franziskus der erzählte. Die Fioretti aus dem 14. Jahrhundert, mit der Vogelpredigt und dem Wolf von Gubbio, prägen das Bild bis heute. Sie sind jedoch rund hundert Jahre nach seinem Tod entstanden und als späte Quelle zu lesen. Dante setzte Franziskus im Paradiso (Gesang XI) ein Denkmal: Aus Assisi sei «der Welt eine Sonne geboren».

    Zugleich zeigt die Geschichte des Ordens, wie schwer das Erbe zu institutionalisieren war. Im Armutsstreit verurteilte Papst Johannes XXII. 1323 mit Cum inter nonnullos die Lehre von der vollkommenen Besitzlosigkeit Christi und der Apostel. Die radikale Armut, auf die sich Franziskus berufen hatte, galt nun als häretisch. Die Spannung zwischen Charisma und Institution begleitet die Wirkungsgeschichte bis heute.

    Lieder und Musik

    Lebendig ist der Sonnengesang heute vor allem als Lied. Im deutschen Sprachraum prägt ihn das Laudato si von Winfried Pilz (1974). Sein Refrain « Laudato si, o mi Signore » ist aus Jugendgottesdiensten, Firmfeiern und Kirchentagen kaum wegzudenken. Damit wurden die Anfangsworte des Sonnengesangs zum Erkennungszeichen, lange bevor eine Enzyklika sie zum Titel machte.

    Gerade dieses Lied zeigt aber auch die Ambivalenz der Rezeption: Es hat den Sonnengesang breit verankert, ihn aber zugleich aufgehellt. Die Strophen von Vergebung, Krankheit und Tod singt kaum jemand mit.

    Vorbild: vom Ordensgründer zum Patron der Ökologie

    Im 20. Jahrhundert verschob sich der Blick. 1967 machte der Historiker Lynn White in der Zeitschrift Science das jüdisch-christliche Herrschaftsverständnis für die ökologische Krise mitverantwortlich. Als Gegenfigur schlug er ausgerechnet Franziskus vor: als Schutzpatron der Ökologen. Papst Johannes Paul II. griff dies 1979 auf und erklärte Franziskus mit der Bulle Inter sanctos zum Patron der Ökologie. 1986 lud er die Religionen der Welt zum Friedensgebet nach Assisi.

    2013 schliesslich wählte Kardinal Bergoglio als erster Papst den Namen Franziskus. Er begründete die Wahl mit drei Stichworten: der Mann der Armut, der Mann des Friedens, der Mann, der die Schöpfung liebt und bewahrt. Zwei Jahre später trug seine Umwelt- und Sozialenzyklika den Anfang des Sonnengesangs im Titel.

    Diese Linie ist eindrücklich, aber sie verlangt Vorsicht. Franziskus war kein Umweltschützer im heutigen Sinn. Wer ihn dazu macht, überträgt eine moderne Kategorie auf einen mittelalterlichen Menschen – und verliert, was ihn ausmacht: die Verbindung von Gotteslob, gewählter Armut und Nähe zu den Ausgeschlossenen.

    Laudato si’ und die ganzheitliche Ökologie

    Mit Laudato si’ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus (2015) hat Papst Franziskus den Sonnengesang in die kirchliche Soziallehre geholt. Was viele aus dem Kirchenlied kennen, wird hier zum Titel eines Lehrschreibens. Die Enzyklika beginnt mit dem Vers über « unsere Schwester, Mutter Erde. » Gleich danach fährt sie fort: Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr zufügen (LS 2). Was bei Franziskus Lob war, wird hier zur Klage.

    Ausdrücklich stellt der Papst seinen Namenspatron an den Anfang:

    Ich glaube, dass Franziskus das Beispiel schlechthin für die Achtsamkeit gegenüber dem Schwachen und für eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie ist. Er ist der heilige Patron all derer, die im Bereich der Ökologie forschen und arbeiten, und wird auch von vielen Nichtchristen geliebt.(LS 10)

    Bemerkenswert ist die Reihenfolge: zuerst « das Schwache », dann die Ökologie. Franziskus zeige, so die Enzyklika weiter, wie untrennbar die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede zusammengehören.

    Genau das meint der Begriff der ganzheitlichen Ökologie, dem das vierte Kapitel gewidmet ist. Umwelt, Wirtschaft, Kultur und Alltag lassen sich nicht getrennt betrachten. Der Schlüsselsatz lautet: « Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise » (LS 139). Die Klage der Erde und die Klage der Armen sind darum gemeinsam zu hören (vgl. LS 49).

    Hier liegt der eigentliche Ertrag der franziskanischen Linie – und zugleich ihre Korrektur. Die Enzyklika macht Franziskus nicht zum Naturschwärmer. Sie nimmt von ihm die Haltung: Staunen statt Verfügen, Geschwisterlichkeit statt Herrschaft, Nähe zu den Ausgeschlossenen statt Rückzug ins Private. Wer der Welt ohne diese Haltung begegnet, so warnt der Papst, verhält sich bald wie ein blosser Konsument oder Ausbeuter ihrer Ressourcen (vgl. LS 11). Franziskus erscheint so weniger als Programm denn als Vorbild, an dem sich eine andere Lebensweise einüben lässt.

    Was bleibt nach 800 Jahren?

    Die Wirkungsgeschichte des Sonnengesangs ist eine Geschichte der Aneignung. Jede Epoche hat in Franziskus gefunden, was sie suchte: den Heiligen der Armut, den Dichter, den Friedensstifter, den Patron der Ökologie. Laudato si’ fügt diese Bilder zusammen, indem sie an das erinnert, was im populären Bild oft fehlt: den Zusammenhang von Schöpfung und Gerechtigkeit.

    Für die Ethik ergibt sich daraus eine Unterscheidung. Franziskus hat die Armut gewählt. Die meisten Menschen, die heute unter den Folgen der Klimakrise leiden, haben sie nicht gewählt. Ein franziskanischer Blick auf die Ökologie kann sich darum nicht mit persönlichem Verzicht begnügen. Er fragt nach den Strukturen, die anderen den Verzicht aufzwingen.

    Der Sonnengesang beginnt mit dem Satz, kein Mensch sei würdig, Gott zu nennen. Vielleicht liegt darin seine aktuellste Botschaft: Was würde sich ändern, wenn wir der Erde und den Armen nicht als Verfügende, sondern als Geschwister begegneten?

    Quellen

    • Franz von Assisi, Canticum fratris solis (um 1225), Assisi, Codex 338
    • Thomas von Celano, Vita prima (1228/29); Compilatio Assisiensis (13. Jh.); Fioretti (14. Jh., späte Quelle)
    • Volker Leppin, Franz von Assisi. Ein unbequemer Heiliger (2026), S. 180–181
    • Papst Franziskus, Enzyklika Laudato si’ (2015), Nr. 1–2, 10–11, 49, 139
    • Lynn White Jr., «The Historical Roots of Our Ecologic Crisis», Science 155 (1967)
    • Johannes Paul II., Bulle Inter sanctos (1979)

    02.10.2026 FL

  • Das Schweizer Asylsystem – eine Spurensuche | Folge 1: Das Verfahren von innen

    Das Schweizer Asylsystem – eine Spurensuche | Folge 1: Das Verfahren von innen

    Zum Auftakt von «Das Schweizer Asylsystem – eine Spurensuche» spricht Florian Lüthi mit Claudio Martelli. Er ist Vizedirektor des Staatssekretariats für Migration (SEM) und leitet den Direktionsbereich Asyl. Martelli beschreibt den Weg eines Asylgesuchs seit der Neustrukturierung 2019: von der Registrierung im Bundesasylzentrum über die Dublin-Prüfung bis zum Entscheid. Er erläutert, wie verletzliche Menschen geschützt werden und was nach einem negativen Entscheid geschieht. Er ordnet die politische Debatte, den EU-Asyl- und Migrationspakt und den Schutzstatus S ein. Sein Anliegen zum Schluss: mehr Sachlichkeit und Nähe zu den Fakten.

    https://podcast.ausha.co/voxethica-asyl-asile-ch/das-verfahren-von-innen-mit-claudio-martelli

    Kapitel
    00:00 Einführung in die Serie
    02:49 Werdegang von Claudio Martelli
    04:14 Der Ablauf eines Asylverfahrens
    06:50 Das Dublin-System
    11:16 Schutz besonders verletzlicher Menschen
    14:03 Nach dem Entscheid: Wegweisung und Rückkehr
    18:27 Sichere Herkunftsstaaten und vorläufige Aufnahme
    21:13 Politische Entwicklungen: Revision 2019 und EU-Migrationspakt
    25:17 Europäische Solidarität
    27:47 Schwankende Zahlen, Ukraine und Status S
    33:42 Die Haltung in den Bundesasylzentren
    36:32 Die Rolle von Zivilgesellschaft und Kirchen
    38:52 Die öffentliche Debatte
    41:56 Was Zahlen aussagen – Integration und Akzeptanz
    48:54 Schlusswort
    49:38 Ausblick auf Folge 2 mit Irene Neubauer

    Hinweis: In dieser Serie sprechen Menschen, die beruflich oder seelsorgerlich mit dem Asylsystem verbunden sind. Zeugnisse von Menschen mit Fluchterfahrung fehlen bewusst, zu ihrem Schutz.

    Folge 2 ab 11. Oktober mit Irene Neubauer, Seelsorgerin in einem Bundesasylzentrum, über Präsenz, Zuhören und das gemeinsame Aushalten von Ohnmacht.

  • Armut als gesellschaftliche Aufgabe – zwischen Nächstenliebe und Struktur

    Armut als gesellschaftliche Aufgabe – zwischen Nächstenliebe und Struktur

    Der heilige Franz von Assisi wird gerne als Vorbild für eine persönliche, unmittelbare Zuwendung zu den Armen herbeigezogen. Zu Recht, wie ein Blick in seine Regel und sein Testament zeigt: Er teilte das Leben der Bedürftigen, tauschte Kleider mit Bettlern, pflegte Aussätzige. Was er nicht tat, ist ebenso bezeichnend: Er gründete keine soziale Institution. Sein Beitrag war relational, nicht strukturell. Genau diese Beobachtung – jüngst von Papst Leo XIV. in der Apostolischen Exhortation Dilexi te ausdrücklich festgehalten (vgl. Leo XIV., Dilexi te, Nr. 64) – markiert eine Grenze, an der jede kirchliche und gesellschaftliche Ethik der Armutsbekämpfung ansetzen muss: Persönliche Nähe allein genügt nicht, wenn Armut strukturelle Ursachen hat.

    Zwei Ebenen, ein Auftrag

    Die katholische Soziallehre unterscheidet seit Rerum novarum (vgl. Leo XIII., Rerum novarum, 1891) konsequent zwischen der karitativen und der strukturellen Antwort auf Armut, ohne die eine gegen die andere auszuspielen. Gaudium et spes verankert diese Unterscheidung theologisch in der Lehre von der universalen Bestimmung der Güter der Erde: Eigentum hat eine wesentliche soziale Funktion; wer sich in äusserster Not befindet, hat ein Recht darauf, am Überfluss anderer teilzuhaben (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Gaudium et spes, Nr. 69). Damit ist Armutsbekämpfung nicht bloss Ausdruck von Grosszügigkeit, sondern eine Frage der Gerechtigkeit.

    Dilexi te macht diese Spannung für die Gegenwart neu greifbar, wenn es festhält, dass akute Hilfsmassnahmen immer nur provisorisch sein dürfen und die eigentliche Aufgabe in der Beseitigung der strukturellen Ursachen liegt (vgl. Leo XIV., Dilexi te, Nr. 94) – Ungleichheit, fehlender Zugang zu Arbeit, Boden und Wohnraum, verweigerte soziale Rechte (vgl. ebd., Nr. 81). Ergänzend dazu steht der Gedanke, der bereits von der lateinamerikanischen Kirche (Aparecida) geprägt wurde und den Dilexi te aufnimmt: Die Armen sind als Subjekte zu behandeln, nicht als Objekte der Wohltätigkeit (vgl. ebd., Nr. 100). Das ist der ethische Kern dessen, was gemeinhin als Hilfe zur Selbsthilfe firmiert – nicht in erster Linie eine Frage der Wirksamkeit von Massnahmen, sondern der Würde derer, denen geholfen wird.

    Gemeinwohl kennt keine Grenze

    Für die gesellschaftliche und politische Praxis bedeutet das, nahe und ferne Armut nicht gegeneinander auszuspielen. Wer mit dem Einkommen bis Monatsende nicht auskommt, und wer in einem strukturell benachteiligten Land keinen Zugang zu Grundversorgung hat, sind aus Sicht christlicher Sozialethik zwei Ausprägungen derselben Verantwortung (vgl. Leo XIV., Dilexi te, Nr. 12–13). Das Gemeinwohl, wie es die katholische Tradition versteht, endet nicht an der Landesgrenze – ein Grundsatz, den bereits Paul VI. formuliert hat: Niemand ist befugt, seinen Überfluss ausschliesslich sich selbst vorzubehalten, wo anderen das Notwendigste fehlt (vgl. Paul VI., Populorum Progressio, Nr. 23; zit. auch in Leo XIV., Dilexi te, Nr. 86).

    Diese Überlegung ist keine abstrakte. Sie berührt unmittelbar die gegenwärtige Debatte um Kürzungen in der schweizerischen Entwicklungszusammenarbeit. Wo Sparentscheide primär fiskalisch oder sicherheitspolitisch begründet werden, blendet die Diskussion in der Regel aus, dass es sich – aus ethischer Perspektive – nicht um eine verzichtbare Grosszügigkeit, sondern um eine Frage struktureller Gerechtigkeit und relationaler Verantwortung handelt. Der Abbruch von Partnerschaften ist nicht nur eine budgetäre, sondern eine Beziehungsfrage.

    Fazit

    Die Spannung zwischen persönlicher Zuwendung und struktureller Verantwortung lässt sich nicht auflösen, sie ist auszuhalten und zu gestalten. Eine Ethik, die sich am Gemeinwohl orientiert, braucht beides: die Nähe, die den Armen als Bruder oder Schwester erkennt, und den politischen Willen, die Ursachen von Armut – lokal wie global – tatsächlich anzugehen. Wo eines das andere ersetzen soll, wird beides unglaubwürdig.

    14.9.2026 FL

  • Franz von Assisi und die Frage der Nachfolge

    Franz von Assisi und die Frage der Nachfolge

    Ein Bruch, der bis heute nachwirkt

    Franz von Assisi, um 1181 als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers geboren, bricht um 1206 radikal mit väterlichem Vermögen und gesellschaftlichem Status. Das ist kein Rückzug aus der Welt, sondern eine neue, unmittelbare Art, in ihr zu leben – in Armut, in der Nachfolge Christi, im Dienst an Aussätzigen und Armen. 1209 erhält seine kleine Gemeinschaft mündliche Zustimmung von Papst Innozenz III., 1223 eine verbindliche Ordensregel. Franz stirbt 1226, gezeichnet von Krankheit und den Stigmata. 

    Was daraus wird, ist eine der erfolgreichsten Bewegungen der Kirchengeschichte. Es ist eine Geschichte ständiger Spannung zwischen dem ursprünglichen, radikalen Impuls eines Einzelnen und der Notwendigkeit, auf diesem Impuls eine persönliche Antwort zu geben. Was heisst es, einem solchen Ursprungsimpuls über die Jahrhunderte hinweg treu zu bleiben – und was heisst es heute?

    Viele Wege der Nachfolge

    Schon zu Lebzeiten von Franz und Klara von Assisi zeigt sich: Nachfolge lässt sich nicht in eine einzige Form giessen. Brüder und Schwestern, kontemplativ lebende Klarissen ebenso wie in der Welt wirkende Kongregationen, und nicht zuletzt Laien, die versuchen eine franziskanische Grundhaltung konkret zu leben. Auch in der Schweiz hat sich diese Vielfalt über die Jahrhunderte niedergeschlagen, von mittelalterlichen Klostergründungen über die Reformbewegung der Kapuziner bis zu den grossen Frauenkongregationen des 19. Jahrhunderts, die als Lehrerinnen und Krankenpflegerinnen weit über den Klosterkontext hinaus wirken. Bezeichnend ist: Franziskanisches Leben ist auf keine Kutte oder ein Kloster beschränkt. 

    Auch heute steht diese Vielfalt vor der Frage, wie sie sich unter veränderten Bedingungen erneuert – etwa dort, wo sich Gemeinschaften neu organisieren oder ihr Erbe gemeinsam, über die einzelnen Zweige hinweg, sichern. Das ist keine Fussnote, sondern gehört zum Kern der Sache: Nachfolge war nie ein fixierter Zustand, sondern ein fortlaufender Übersetzungsprozess.

    Was diese Vielfalt eint, ist weniger eine gemeinsame Regel als eine gemeinsame Ausrichtung. Wer Franz nachfolgt, ahmt nicht in erster Linie einzelne Vorschriften nach, sondern eine Haltung – Armut, Dienst, Freude –, die sich in ganz unterschiedlichen Lebensformen einüben lässt. Die Frage lautet dann weniger, welche Regel im Einzelfall gilt, als: Was für ein Mensch will ich werden, wenn ich mich an diesem Vorbild orientiere? Darin liegt vielleicht die eigentliche Pointe der franziskanischen Vielfalt: kein Masstab für alle, sondern ein Vorbild, an dem sich je eigene, aber verwandte Antworten einüben lassen.

    Was fordert Nachfolge?

    Diese Frage lässt sich nicht bequem beantworten. Sie wird erst ernst, wenn man sich eingesteht: Eine Haltung, die nichts kostet, ist noch keine Nachfolge: nur eine Idee davon. Franz von Assisi hat das nicht behauptet, sondern gelebt. Sein Bruch mit dem väterlichen Vermögen war kein Symbol, sondern der Preis, den seine Antwort auf den Ruf forderte.

    Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat diesen Unterschied Jahrhunderte später auf den Punkt gebracht: zwischen einer Gnade, die alles verspricht und nichts verlangt, und einer, die einen ganzen Menschen beansprucht. In dieser Spannung befindet sich der christliche Glaube: Einerseits wird uns die bedingungslose Gnade Gottes zugesprochen. Anderseits ist Nachfolge Jesu ein Anspruch, der unsere Lebensführung betrifft. Dieser Anspruch ist dann auch ethisch: in unserem Verhältnis zu uns, den Mitmenschen und der Umwelt. Er strahlt in unsere alltäglichen, politischen und sonstigen Lebensentscheidungen. Zuspruch und Anspruch nähren sich gegenseitig und bedingen einander.

    Vielleicht ist genau das die Frage, die von Franz bis heute reicht, über alle Kutten und Klostermauern hinweg: Wie viel Anspruch sind wir bereit, aus dem erfahrenen Zuspruch heraus zu leben? 


    Ein Dossier mit weiteren Impulsen zu Franz von Assisi findet sich auf glaubenspiazza.ch.  

    FL

  • « Wahrung der schweizerischen Neutralität », Neutralitätsinitiative

    « Wahrung der schweizerischen Neutralität », Neutralitätsinitiative

    Volksabstimmung vom 27.09.26

    Was schlägt diese Initiative tatsächlich vor? Welche Auswirkungen könnte diese Auffassung der Neutralität haben? Zielt sie darauf ab, den Frieden zu fördern, wie es die Plakate mit der Taube und dem Ölzweig suggerieren? Und wenn ja, um welche Art von Frieden würde es sich dabei handeln? Es gibt tatsächlich mehrere Arten, Frieden zu verstehen, die aus ethischer Sicht nicht alle dieselbe Bedeutung haben

    Vox ethica stellt sich die Frage nach den ethischen Implikationen dieser vorgeschlagenen Verfassungsänderungen in verschiedenen Bereichen: den Menschenrechten, der Politik der guten Dienste oder auch die Stimme der Schweiz auf internationaler Ebene.

    Die Initiative bietet die Gelegenheit, sich mit dem Sinn der Neutralität für ein Land wie die Schweiz auseinanderzusetzen. Ist sie ein Wert an sich? Oder gibt es andere Werte, denen der Vorrang zu geben ist? Eine Gelegenheit zu überlegen, welches die Grundwerte sind, die wir uns für unser Land wünschen.

    Stellungnahme von Vox ethica :

  • Zwei-Staaten-Lösung: Der Heilige Stuhl und sein langjähriges Friedensengagement

    Zwei-Staaten-Lösung: Der Heilige Stuhl und sein langjähriges Friedensengagement

    Am Sonntag, 16. August 2026, hat Papst Leo XIV. beim Angelusgebet in Castel Gandolfo die internationale Gemeinschaft eindringlich aufgefordert, sich für eine Zwei-Staaten-Lösung im Nahostkonflikt einzusetzen, um einen gerechten und dauerhaften Frieden zu ermöglichen. Zuvor hatte er die Übergriffe und die Gewalt gegen Palästinenser durch israelische Siedler im Westjordanland verurteilt und eine Beschleunigung der Umsetzung dieses seit 1947 verfolgten Projekts gefordert.

    Der Appell steht in einer fast achtzig Jahre alten diplomatischen Tradition des Heiligen Stuhls. Was 1947 als Forderung nach einer Internationalisierung der heiligen Stätten Jerusalems begann, entwickelte sich seit den 1980er-Jahren zum Grundpfeiler der vatikanischen Nahostpolitik: Bereits Pius XII. mahnte 1948 eine geordnete Lösung für das Heilige Land an, Paul VI. sprach 1967 erstmals von den legitimen Rechten des palästinensischen Volkes, und Johannes Paul II. verband 1984 in « Redemptionis anno » das Sicherheitsbedürfnis Israels mit dem palästinensischen Recht auf eine eigene Heimat. Benedikt XVI. bekräftigte 2009 in Bethlehem dieselbe Linie, und unter Franziskus wurde sie 2015 mit der völkerrechtlichen Anerkennung Palästinas als Staat diplomatisch untermauert.

    Leo XIV. knüpft an dieses Erbe an: Bereits im Januar 2026 hatte er vor dem Diplomatischen Korps die Zwei-Staaten-Lösung als einzige tragfähige institutionelle Perspektive bezeichnet, die den Anliegen beider Völker gerecht werde. Aus Sicht des Heiligen Stuhls bleibt sie damit trotz politischer Blockaden und anhaltender humanitärer Tragödie der einzige Weg zu einem gerechten Frieden zwischen Israel und Palästina.

    Eine ausführliche historische Einordnung findet sich bei Vatican News: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2026-08/zwei-volker-zwei-staaten-position-der-papste-heiliges-land.html

  • Warum sich Vox Ethica in die Vernehmlassung zur Konzernverantwortung einbringt

    Warum sich Vox Ethica in die Vernehmlassung zur Konzernverantwortung einbringt

    Die katholische Kirche setzt sich seit Jahrzehnten für die Einhaltung der Menschenrechte ein. Spätestens seit der Enzyklika Laudato si’ gehören auch der Schutz der Umwelt und die Bekämpfung des Klimawandels zu ihren Anliegen. Dahinter steht eine einfache Überzeugung: Eine Welt, in der alle Menschen ihr Potential entfalten können, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – eine Aufgabe, die alle gesellschaftlichen Akteure betrifft, nicht nur den Staat.

    Diese Überzeugung ist nicht einfach eine kirchenpolitische Position, die man auch anders begründen könnte. Sie wurzelt tief im biblischen Menschen- und Weltbild selbst.

    Der Mensch als Bild Gottes. Am Anfang der Bibel steht der Satz, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen ist – jeder Mensch, ohne Ausnahme (Gen 1,26–27). Aus dieser Ebenbildlichkeit leitet die christliche Tradition die unveräusserliche Würde jedes Menschen ab, die keiner wirtschaftlichen oder politischen Zweckmässigkeit untergeordnet werden darf. Wo Lieferketten Menschen in Armut, Ausbeutung oder Vertreibung treiben, wird an dieser Ebenbildlichkeit selbst Schaden angerichtet – nicht nur an einer abstrakten Rechtsnorm.

    Die Schöpfung als anvertrautes Gut. Derselbe Schöpfungsbericht spricht dem Menschen die Aufgabe zu, den Garten zu « bebauen und zu bewahren » (Gen 2,15) – ein Auftrag zur Pflege, nicht zur rücksichtslosen Nutzung. Papst Franziskus hat diesen Gedanken in Laudato si’ aufgenommen und daran erinnert, dass die Erde uns nicht gehört, sondern uns anvertraut ist. Umweltzerstörung ist aus dieser Warte kein Kollateralschaden wirtschaftlichen Handelns, sondern ein Verstoss gegen einen ursprünglichen Auftrag.

    Die prophetische Tradition. Durch die ganze Bibel zieht sich zudem eine unbequeme Stimme: die der Propheten, die wirtschaftliche Ausbeutung scharf verurteilen. Amos etwa prangert jene an, die « die Armen um ein Paar Schuhe verkaufen » (Am 2,6) – wirtschaftlicher Gewinn auf Kosten der Schwächsten ist für die prophetische Tradition kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verrat am Bund. Diese Stimme mahnt auch heute: Wirtschaftliche Freiheit, die die Verwundbarsten entlang globaler Lieferketten übersieht, steht in einer langen Reihe biblisch verurteilter Praktiken.

    Gott an der Seite der Verwundbaren. Schliesslich zeigt sich im Kommen Gottes selbst in die Welt – in der Menschwerdung – eine bleibende Zuwendung zu den Geringen und Verletzlichen. Diese Logik der Solidarität « von unten » ist der tiefste theologische Grund dafür, dass sich kirchliches Engagement nicht mit wohlklingenden Absichtserklärungen zufriedengibt, sondern auf wirksame, einklagbare Schutzmechanismen für die tatsächlich Betroffenen drängt.

    Aus diesem biblisch-theologischen Fundament hat die katholische Soziallehre ihre Prinzipien entwickelt, mit denen sie diese Einsichten auf gesellschaftliche und rechtliche Fragen übersetzt. Das Prinzip des Gemeinwohls etwa bindet nicht nur staatliches Handeln, sondern ebenso private wirtschaftliche Akteure: Unternehmerische Freiheit ist kein Selbstzweck, sondern hat sich – ganz im Sinne der Ebenbildlichkeit aller Menschen – am Beitrag zum Wohl aller zu orientieren.

    Was folgt daraus konkret? Aus dem Zusammenspiel zweier weiterer Grundprinzipien – Subsidiarität und Solidarität – ergibt sich für uns die Forderung nach verbindlichen statt bloss freiwilligen Sorgfaltspflichten für Unternehmen. Subsidiarität bedeutet nämlich nicht, dass sich der Staat möglichst heraushält, sondern verpflichtet ihn zum Handeln, sobald die untere Ebene – hier: die freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmen – ihren Schutzauftrag nachweislich nicht erfüllt. Und die globale Dimension der Solidarität, wie sie die Kirche seit Populorum Progressio betont, verlangt, dass grenzüberschreitendem wirtschaftlichem Handeln auch grenzüberschreitende rechtliche Verantwortung entspricht – eine Verantwortung, die letztlich aus der Einsicht folgt, dass alle Menschen, gleich wo sie leben, dieselbe Würde teilen.

    Aus diesen Überlegungen heraus hat sich Vox Ethica entschieden, sich mit einer eigenen Stellungnahme in die Vernehmlassung zum indirekten Gegenvorschlag zur Volksinitiative «Für verantwortungsvolle Grossunternehmen – zum Schutz von Mensch und Umwelt» einzubringen.

    Vox Ethica begrüsst grundsätzlich alle Bestrebungen, die einen grösseren Schutz von Mensch und Umwelt vor den Auswirkungen menschlichen – hier im Speziellen wirtschaftlichen – Handelns fördern. In unserer Stellungnahme zeigen wir aber auch auf, wo der vorliegende Entwurf aus unserer Sicht noch nachgebessert werden sollte.

    FL. 24.07.2026