Ein Bruch, der bis heute nachwirkt
Franz von Assisi, um 1181 als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers geboren, bricht um 1206 radikal mit väterlichem Vermögen und gesellschaftlichem Status. Das ist kein Rückzug aus der Welt, sondern eine neue, unmittelbare Art, in ihr zu leben – in Armut, in der Nachfolge Christi, im Dienst an Aussätzigen und Armen. 1209 erhält seine kleine Gemeinschaft mündliche Zustimmung von Papst Innozenz III., 1223 eine verbindliche Ordensregel. Franz stirbt 1226, gezeichnet von Krankheit und den Stigmata.
Was daraus wird, ist eine der erfolgreichsten Bewegungen der Kirchengeschichte. Es ist eine Geschichte ständiger Spannung zwischen dem ursprünglichen, radikalen Impuls eines Einzelnen und der Notwendigkeit, auf diesem Impuls eine persönliche Antwort zu geben. Was heisst es, einem solchen Ursprungsimpuls über die Jahrhunderte hinweg treu zu bleiben – und was heisst es heute?
Viele Wege der Nachfolge
Schon zu Lebzeiten von Franz und Klara von Assisi zeigt sich: Nachfolge lässt sich nicht in eine einzige Form giessen. Brüder und Schwestern, kontemplativ lebende Klarissen ebenso wie in der Welt wirkende Kongregationen, und nicht zuletzt Laien, die versuchen eine franziskanische Grundhaltung konkret zu leben. Auch in der Schweiz hat sich diese Vielfalt über die Jahrhunderte niedergeschlagen, von mittelalterlichen Klostergründungen über die Reformbewegung der Kapuziner bis zu den grossen Frauenkongregationen des 19. Jahrhunderts, die als Lehrerinnen und Krankenpflegerinnen weit über den Klosterkontext hinaus wirken. Bezeichnend ist: Franziskanisches Leben ist auf keine Kutte oder ein Kloster beschränkt.
Auch heute steht diese Vielfalt vor der Frage, wie sie sich unter veränderten Bedingungen erneuert – etwa dort, wo sich Gemeinschaften neu organisieren oder ihr Erbe gemeinsam, über die einzelnen Zweige hinweg, sichern. Das ist keine Fussnote, sondern gehört zum Kern der Sache: Nachfolge war nie ein fixierter Zustand, sondern ein fortlaufender Übersetzungsprozess.
Was diese Vielfalt eint, ist weniger eine gemeinsame Regel als eine gemeinsame Ausrichtung. Wer Franz nachfolgt, ahmt nicht in erster Linie einzelne Vorschriften nach, sondern eine Haltung – Armut, Dienst, Freude –, die sich in ganz unterschiedlichen Lebensformen einüben lässt. Die Frage lautet dann weniger, welche Regel im Einzelfall gilt, als: Was für ein Mensch will ich werden, wenn ich mich an diesem Vorbild orientiere? Darin liegt vielleicht die eigentliche Pointe der franziskanischen Vielfalt: kein Masstab für alle, sondern ein Vorbild, an dem sich je eigene, aber verwandte Antworten einüben lassen.
Was fordert Nachfolge?
Diese Frage lässt sich nicht bequem beantworten. Sie wird erst ernst, wenn man sich eingesteht: Eine Haltung, die nichts kostet, ist noch keine Nachfolge: nur eine Idee davon. Franz von Assisi hat das nicht behauptet, sondern gelebt. Sein Bruch mit dem väterlichen Vermögen war kein Symbol, sondern der Preis, den seine Antwort auf den Ruf forderte.
Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat diesen Unterschied Jahrhunderte später auf den Punkt gebracht: zwischen einer Gnade, die alles verspricht und nichts verlangt, und einer, die einen ganzen Menschen beansprucht. In dieser Spannung befindet sich der christliche Glaube: Einerseits wird uns die bedingungslose Gnade Gottes zugesprochen. Anderseits ist Nachfolge Jesu ein Anspruch, der unsere Lebensführung betrifft. Dieser Anspruch ist dann auch ethisch: in unserem Verhältnis zu uns, den Mitmenschen und der Umwelt. Er strahlt in unsere alltäglichen, politischen und sonstigen Lebensentscheidungen. Zuspruch und Anspruch nähren sich gegenseitig und bedingen einander.
Vielleicht ist genau das die Frage, die von Franz bis heute reicht, über alle Kutten und Klostermauern hinweg: Wie viel Anspruch sind wir bereit, aus dem erfahrenen Zuspruch heraus zu leben?
Ein Dossier mit weiteren Impulsen zu Franz von Assisi findet sich auf glaubenspiazza.ch.
FL










