Étiquette : Gesellschaft

  • „Écouter les invisibles“: Ein Seelsorger im Arbeitsalltag

    „Écouter les invisibles“: Ein Seelsorger im Arbeitsalltag

    Jean-Claude Huot war über zehn Jahre in der Arbeitsseelsorge des Kantons Waadt tätig. In seinem Buch „Écouter les invisibles“ beschreibt er seine Erfahrungen und betont, dass das Zuhören im Mittelpunkt seiner Arbeit stand. Die ökumenische Ausrichtung dieser Arbeitspastoral – also die Zusammenarbeit zwischen katholischen und protestantischen Vertretern – war dabei ein besonderes Merkmal. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Unterstützung von Menschen im Agrarsektor, nachdem eine erhöhte Suizidrate unter Landwirtinnen und Landwirten den Kanton alarmiert hatte.

    Huots Ansatz bestand weniger darin, konkrete Lösungen vorzugeben, als vielmehr Informationen zu vermitteln. Viele der Ratsuchenden waren Migrantinnen und Migranten, die neu in der Schweiz ankamen und sich im Arbeitsmarkt zurechtfinden mussten. Huot half ihnen, Sprachkurse zu finden, Arbeitsmarktstrukturen zu verstehen und rechtliche Fragen zu klären. Sein Ziel war es, den Menschen Autonomie zu ermöglichen, damit sie selbstbestimmt Entscheidungen treffen können. Besonders wichtig war ihm, das Selbstvertrauen der Ratsuchenden zu stärken – etwa indem er sie dabei unterstützte, ihre Kompetenzen in Lebensläufen sichtbar zu machen, auch wenn diese nicht immer formal anerkannt waren.

    Ein zentrales Anliegen Huots war es, die politische Dimension seiner Arbeit zu betonen. Ob in der Kommission Justitia et Pax der Schweizer Bischofskonferenz, bei Fastenaktion oder Public Eye – er erlebte immer wieder, wie politische und wirtschaftliche Entscheidungen das Leben von Menschen prägen. Sein Buch gibt jenen eine Stimme, die oft nur als Kostenfaktoren oder Statistiken wahrgenommen werden. Huot betont, dass die Würde jedes Menschen unveräußerlich ist und dass es wichtig ist, diese Würde unabhängig vom sozialen Status anzuerkennen.

    Besonders beeindruckt war Huot vom Glauben und der Hoffnung der Menschen in prekären Situationen. Viele vertrauten trotz aller Not darauf, dass sie nicht allein gelassen werden. Diese Haltung gab auch ihm selbst Kraft und bestärkte ihn darin, weiterhin für die Schwächsten einzustehen – sei es durch direkte Hilfe oder durch politisches Engagement.

    Für Huot ist die Kirche gefordert, als Advokatin der Gerechtigkeit zu wirken. Sie soll die Stimme derer verstärken, die in der Gesellschaft kaum gehört werden. Sein Fazit lautet, dass sich die Qualität einer Gesellschaft daran misst, wie sie mit den Schwächsten umgeht – ein Gedanke, der nicht nur in der Bibel, sondern auch in der Präambel der Schweizer Bundesverfassung verankert ist.

    Huots Buch ist somit nicht nur eine Berufsbiografie, sondern ein Plädoyer für Menschlichkeit im Arbeitsleben und für den Respekt vor der Würde jedes Einzelnen. Das Buch von Jean-Claude Huot « Écouter les invisibles » ist 2025 im St. Augustin Verlag erschienen.

    10.04.2026 FL

  • Ethik und Religion im öffentlichen Raum – eine störende Stimme?

    Ethik und Religion im öffentlichen Raum – eine störende Stimme?

    Aus christlicher Sicht kann man bei der Abwägung seiner Entscheidungen die vorhersehbaren Folgen nicht ausser Acht lassen – nicht nur für sich selbst oder seine Angehörigen, sondern auch hinsichtlich der Auswirkungen auf die Gemeinschaft. An diesem Punkt werden unsere Entscheidungen zu echten ethischen Entscheidungen (und nicht nur zu einer blossen Interessenabwägung).

    Man kann sich fragen, welche Werte oder Prinzipien uns zu einer Entscheidung veranlassen. Basieren sie auf religiösen, sozialen, ethischen oder philosophischen Werten? Oder werden wir von Emotionen beeinflusst: Ist es Angst? Ist es Vertrauen? Die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft?

    Man kann sich auch fragen, woher diese Emotionen kommen, die dieses oder jenes Thema hervorrufen (Medien, Erfahrungen, Biografie, sozialer Kontext, Bildung …) und warum wir angesichts desselben Themas so unterschiedliche Emotionen empfinden. Dies führt dazu, dass man beim Abstimmen den Stellenwert der Demokratie selbst hinterfragt: Geht es nur darum, unsere Interessen zu verteidigen, oder streben wir etwas anderes an? Welche Art von sozialen Beziehungen und Gesellschaft wünschen wir uns?

    Was bedeutet es, sich von niemandem beeinflussen zu lassen? Es ist eine Art zu denken, dass man von anderen – wer auch immer sie sind – nichts zu lernen hat. Es ist paradox, dass wir uns in einer Zeit, in der Informationen noch nie so verbreitet und leicht zugänglich waren, in Sphären einheitlicher Bedeutungen einschliessen und versuchen, alles, was sich von unserer Meinung unterscheidet, nicht mehr zu sehen. Häufig reagieren wir abwertend, wenn wir mit anderen Sichtweisen konfrontiert werden (wie die unzähligen heftigen Kommentare in den sozialen Netzwerken deutlich zeigen).

    Uns scheint häufig kein Argument der anderen nützlich. Die Kritik an den Kirchen, wenn sie Standpunkte vertreten oder sich an der politischen Debatte beteiligen, ist oft heftig: Sie würden versuchen, uns zu einer bestimmten Wahlentscheidung zu bewegen und damit die Freiheit der Gläubigen einschränken. Diese Debatte findet auch in der Schweiz statt, fast jedes Mal, wenn Kirchen oder Gläubige öffentlich einen oder mehrere Standpunkte vertreten.

    In Zeiten von Influencern, viralem Marketing, sozialen Netzwerken und künstlicher Intelligenz, in denen Einflüsse oft undurchsichtig sind und die Aufmerksamkeitsspanne kurz ist, stört die Stimme der Kirchen. Sie ist oft unangenehm zu hören, weil sie nicht auf der Befriedigung individueller Interessen basiert, keine finanziellen Ziele verfolgt und nicht darauf aus ist, Follower oder Klicks zu generieren. Sie begnügt sich selten mit Unterhaltung oder dem Status quo und schmeichelt nicht dem Ego von Konsumentinnen oder Parteianhängern.

    Wer hat nicht schon einmal nach dem Gottesdienst den Satz gehört: „Ich will mir nicht vorschreiben lassen, wie ich abstimmen soll, niemand darf über meine politischen Entscheidungen bestimmen!“ Man kann darauf antworten, dass es gerade zu dieser Freiheit gehört, über die vielfältigen Standpunkte, Argumente und möglichen Positionen informiert zu sein. Die Freiheit, sich eine Meinung zu bilden und damit seine Bürgerrechte auszuüben, beruht auf dem Zugang zu vielfältigen Informationen. Die Erklärung der Menschenrechte erinnert an diese Notwendigkeit des Informationszugangs, der in allen totalitären Regimes infrage gestellt wird. Viele Völker auf der ganzen Welt kämpfen für den Zugang zu diversifizierten Informationen, um die Möglichkeit zu haben, sich frei zu äussern.

    Die Stimme der Kirchen und Gläubigen zu zensieren würde bedeuten, der öffentlichen Debatte eine wichtige Sichtweise vorzuenthalten, die oft gegen den herrschenden Diskurs Position bezieht und daher besonders wertvoll ist. Die Stimme der Evangelien, die von den Kirchen und Christen getragen wird, erinnert gerade daran, dass wir den Schwächsten und Bedürftigsten in unserer Gesellschaft Aufmerksamkeit schenken müssen. Diese Stimmen zum Schweigen zu bringen, bedeutet in gewisser Weise auch, diejenigen, die unsere Gesellschaft bereits marginalisiert, noch unsichtbarer zu machen.

    Sich den Ideen anderer zu öffnen und ihre Realitäten zu entdecken, verändert unsere Sichtweisen. Vielleicht ist es genau das, was uns Angst macht: mit anderen Meinungen, Informationen und Kontexten konfrontiert zu werden, die unsere Gewissheiten ins Wanken bringen könnten. Schuldgefühle sind nicht weit… Wir geraten so in eine unangenehme Situation des Zweifels.

    Zweifel und Hinterfragen sind jedoch untrennbar mit dem ethischen Denken verbunden. Angesichts fanatischer Diskurse ist es das Herzstück ethischer Überlegungen, unsere tatsächlichen Absichten zu hinterfragen: das, was wir für wahr halten, die Richtigkeit unserer Prinzipien und ihre Anwendung auf Situationen sowie die tatsächlichen Folgen unserer Entscheidungen. Zweifel, Nuancen, Fragen – all das versuchen totalitäre Sprachen und Fake News glätten.

    So analysierte bereits der Linguist Viktor Klemperer in seiner Untersuchung der Sprache des Dritten Reiches: Von Anfang der 1930er Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs notierte Klemperer täglich die Veränderungen der deutschen Sprache, die durch den totalitären Diskurs auferlegt wurden. Er beobachtete das Verschwinden von Nuancen, Bedingungsformen, hypothetischen und fragenden Formen zugunsten einer vereinfachten, beschwörenden und meist gewalttätigen Sprache.

    Welche Rolle würden die Kirchen und Gläubigen spielen, wenn sie mundtot gemacht wären und sich nicht mehr für aktuelle Fragen interessierten? Wenn sie nicht mehr versuchen würden, gemeinsam mit anderen über Entscheidungen nachzudenken, die unsere Gesellschaften beeinflussen? Würden sie sich von allem abwenden, was die heutige Welt ausmacht, nicht mehr Zeugnis ablegen von dem, was sie täglich sehen und erleben, und zu keinem Zeitpunkt an die Beiträge der frohen Botschaft erinnern? Würden sie dann noch ihre Rolle spielen? Läuft die Religion dann nicht Gefahr, zu Opium zu werden, das unsere Herzen betäubt?

    FQ

    Übersetzung: FL