Nach der Begleitung in Folge 2 geht es nun um die Psyche: um das, was Flucht und Asylverfahren in Menschen auslösen, und um die Frage, was Heilung möglich macht. Florian Lüthi spricht mit Marie-Theres Wellinger, transkulturelle Psychiaterin. Sie hat als Allgemeinmedizinerin acht Jahre im Tschad und ein Jahr in Nicaragua gearbeitet. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz 2001 wechselte sie in die Psychiatrie. In einem öffentlichen Ambulatorium baute sie einen spezialisierten Dienst für Migrantinnen und Migranten auf und leitete ihn fast zehn Jahre lang. Heute arbeitet sie in einer eigenen Praxis in Biel.
Sie erklärt, was transkulturelle Psychiatrie ausmacht und warum die posttraumatische Belastungsstörung bei Geflüchteten «eigentlich gar nicht post» ist: Solange Menschen keinen sicheren Status haben, kommen sie nicht zur Ruhe. Es geht um jahrelanges Warten, um enge Zentren mit grossen Machtgefällen und um Widersprüche in Fluchtgeschichten, die oft als Lüge gelten, aber eher Zeichen eines Traumas sind. Zur Sprache kommen auch fehlende Übersetzung in der Medizin, die Verteilung ohne Rücksicht auf die Sprache und die Lage in den Ausreisezentren. Wellinger erzählt aber auch Geschichten, die Hoffnung machen. Ihre Wünsche sind konkret: Anerkennung, Arbeit und Beziehungen, denn «ein Brunnen ist wichtiger als ein Arzt».
Hinweis: Das Gespräch wurde im Frühjahr 2026 aufgezeichnet. Die Erfahrungen von Patientinnen und Patienten sind so wiedergegeben, dass niemand erkennbar ist.
Kapitel
00:00 Einleitung
01:32 Vom Tschad in die Psychiatrie – Vorstellung
04:03 Was ist transkulturelle Psychiatrie?
07:52 Frauen, Familie und neue Freiheiten
09:47 Ankommen und Identitätsverlust
10:46 Unsicherheit und Warten im Asylverfahren
11:56 Enge und Machtgefälle in den Zentren
13:14 Trauma, das nicht vorbeigeht
15:30 Widersprüche, Glaubwürdigkeit und verhärtete Verfahren
20:28 Politischer Diskurs und die Kraft der Begegnung
22:57 Psychiatrische Versorgung und die Sprachbarriere
25:54 Verteilung nach Sprachregion
28:28 Zugang zu Hilfe und die Lage in den Ausreisezentren
32:11 Ein ständiges Provisorium
33:05 Arbeit als Menschenrecht
35:21 Geschichten, die Hoffnung machen
40:40 Wünsche für die Zukunft: «Ein Brunnen ist wichtiger als ein Arzt»
42:50 Psychische Gesundheit enttabuisieren
43:57 Ausblick auf die nächsten Folgen
26.10.2026 FL

