Stellungnahme zur Initiative ‘Keine 10-Millionen-Schweiz!’

Le Christ accueilli en tant que pèlerin © The Trustees of the British Museum. Shared under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 4.0 International (CC BY-NC-SA 4.0) licence.

Argumentarium von Vox Ethica

„Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen […]. Amen, ich sage euch: Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“(Mt 25,35.40, EU 2016)

Am 14. Juni 2026 stimmt das Schweizer Stimmvolk über die Volksinitiative ‘Keine 10-Millionen-Schweiz!’ ab. Die Initiative will eine verbindliche Bevölkerungsobergrenze in der Bundesverfassung verankern. Vox Ethica bringt sich gestützt auf die biblische Tradition und die Katholische Soziallehre in die Debatte ein. Beide Quellen betonen übereinstimmend die Bedeutung der Aufnahme von Fremden.

Diese Initiative bietet keine angemessenen und realistischen Lösungen für sehr unterschiedliche Probleme. Diese Themen erfordern präzise und massgeschneiderte Antworten. Die zahlreichen Herausforderungen und Veränderungen der heutigen Gesellschaft können nicht allein durch die Brille der Migration betrachtet werden. Diese Art von Diskurs fördert die Gleichsetzung von ‘Ausländerinnen und Ausländern’ mit ‘Problemen’. Solche Vereinfachungen sind gefährlich, da sie ein verzerrtes Bild der Realität vermitteln.

Die Bedenken bezüglich Infrastruktur, Wohnraum und Raumplanung sind berechtigt und verdienen ernsthafte Antworten. Das Schweizer Staatsgebiet ist tatsächlich nicht unbegrenzt nutzbar. Damit verbunden sind eine Vielzahl von Herausforderungen: Wohnraumverteilung, Mobilitäts- und Produktionsweisen, Städtebau, Konsum, wirtschaftliche Gerechtigkeit. Die Antwort auf diese komplexen Fragen auf eine Einwanderungsobergrenze zu reduzieren, ist sowohl ein Analysefehler als auch eine Verlagerung der Verantwortung.

Ökologische Vision im Katholizismus

Die integrale Ökologie im Sinne von Laudato si’ berücksichtigt menschliche, ökologische und wirtschaftliche Aspekte. Die ökologische Krise, in der wir uns befinden, ist nicht durch die Einwanderung verursacht, sondern der massiven Ausbeutung der natürlichen Ressourcen geschuldet. Die Achtung der Schöpfung ist keine nebensächliche Frage und muss ernst genommen werden. Der Mensch ist nicht Eigentümer der Schöpfung, sondern ihr Hüter. Die Enzyklika Laudato si’ lädt uns ein, unser Konsumverhalten und unser Verhältnis zur Natur zu überdenken. Dabei gilt es, die Menschen zu achten, besonders die Verletzlichsten.

„Alles ist miteinander verbunden. Darum ist eine Sorge für die Umwelt gefordert, die mit einer echten Liebe zu den Menschen und einem ständigen Engagementangesichts der Probleme der Gesellschaft verbunden ist.“ Laudato si’, 91

„Die Schuld dem Bevölkerungszuwachs und nicht dem extremen und selektiven Konsumverhalten einiger anzulasten, ist eine Art, sich den Problemen nicht zu stellen.“ Laudato si’, 50

Die Aufnahme des Fremden als biblisches Motiv

Von der Berufung Abrahams (Gen 12,1) bis zur Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten (Mt 2,13–15), über die Sklaverei und den Exodus hinweg: die Heilsgeschichte ist eine Geschichte der Migration. Dieses Gedächtnis ist nicht beliebig. Es begründet ein ethisches Gebot, das im Ersten Testament seinen Niederschlag gefunden hat: „Wenn ein Fremder bei euch in eurem Land als Fremder lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. […]“ (Lev 19,33–34). Wir sind aufgerufen, Gott nachzuahmen und dies durch unsere Taten zu zeigen (Imitatio Dei): „Er [Gott] liebt die Fremden“ (Dtn 10,18). Das Volk Gottes ist ein Volk, das sich erinnert, fremd gewesen zu sein, und das aus dieser Erinnerung seine Ethik der Gastfreundschaft und Aufnahme schöpft.

Das Neue Testament spitzt diese Perspektive zu, indem Christus selbst sich mit dem Fremden identifiziert und solidarisiert: „Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35).

Solidarität : ein zentraler christlicher Wert

Solidarität ist ein Grundpfeiler der katholischen Soziallehre. Diese gilt nicht nur gegenüber Nahestehenden oder Familienangehörigen, sondern gegenüber jeder Person. Das Christentum postuliert eine universale Ethik, in der jede Person mein Nächster bzw. meine Nächste ist, unabhängig von Staatsangehörigkeit, Status, Kultur oder Herkunft. Solidarität gilt nicht nur meinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, sondern jedem Menschen, besonders den Verletzlichsten, Schwächsten und Ärmsten. Das Recht auf Asyl zu verweigern oder zu schwächen bedeutet, nicht nur das Engagement der Schweiz für die Menschenrechte infrage zu stellen, sondern auch das christliche Ethos zu verletzen. Für Christinnen und Christen verbindet eine universale Geschwisterlichkeit alle Menschen. Lösungsansätze, die unsere Verantwortung gegenüber anderen verringern, können sich nicht auf christliches Denken berufen.

Die Infragestellung des Familiennachzugs und die Gefährdung des Niederlassungsstatus schwächen Familien und verhindern ihre Integration. Die Schweiz profitiert seit Jahrhunderten vom Beitrag ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die dieses Land und seine multikulturelle Identität mitaufgebaut haben. Personen ausländischer Herkunft leisten auf wirtschaftlicher, sozialer und menschlicher Ebene viel für die Schweiz. Und nicht zu vergessen: eine Vielzahl der Katholikinnen und Katholiken dieses Landes hat einen Migrationshintergrund.

Sozialer Rückschritt statt Lösung

Die Arbeitsbedingungen ausländischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu verschlechtern (zum Beispiel durch die Kündigung des Freizügigkeitsabkommens), ist keine Unterstützung für die Arbeitnehmerschaft dieses Landes. Im Gegenteil: Es ist eine Aushöhlung des Arbeitsrechts, das sich auf alle Arbeitnehmenden auswirkt. Die aktuellen Herausforderungen der Schweiz (Wohnungsmangel, steigende Krankenkassenprämien) müssen durch einen verstärkten Schutz der Verletzlichsten und eine bessere soziale Gerechtigkeit bekämpft werden. Der Schutz der sozialen und wirtschaftlichen Rechte aller (Recht auf erschwinglichen Wohnraum, auf Bildung, auf einen angemessenen Lohn usw.) ist heute dringender denn je. Die Stigmatisierung der verletzlichsten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, davon ein Grossteil Ausländerinnen und Ausländer, bietet keine ethisch vertretbare Lösung. Die prekärsten Arbeitsverhältnisse (Saisonarbeit, Schwarzarbeit) könnten sich weiter verschlechtern. Die Annahme der Initiative könnte die Ausbeutung von Migrantinnen und Migranten weiter begünstigen, ihre vollständige Integration verhindern und die Ungleichheiten in der Arbeitswelt vertiefen.

Wie empfangen wir, wer zu uns kommt?

Die Initiative, die Menschen als Ströme und Zahlen begreift, reduziert menschliche Existenzen auf blosse Zahlen in einer Gleichung. Die Anzahl von Menschen auf einem Staatsgebiet als zu bewältigende Bedrohung zu begreifen, instrumentalisiert Menschen, anstatt ihnen ein Gesicht und eine Menschlichkeit zuzuerkennen. Die darausfliessenden Massnahmen implizieren zwingend, dass Menschen zurückgewiesen oder ausgeschlossen werden, nicht aufgrund einer Prüfung ihrer persönlichen Situation, sondern allein aufgrund einer Berechnung. Menschen und ihre Familien auf Zahlen zu reduzieren, ist eine offensichtliche Verletzung ihrer Menschlichkeit.

„Wie eine Mutter, begleitet die Kirche alle, die unterwegs sind. Wo die Welt Bedrohungen sieht, sieht sie Kinder; wo Mauern errichtet werden, baut sie Brücken. Sie weiss, dass ihre Verkündigung nur dann glaubwürdig ist, wenn sie sich in Gesten der Nähe und der Aufnahme ausdrückt; und dass in jedem zurückgewiesenen Migranten Christus selbst an die Türen der Gemeinschaft klopft.“Dilexi te, 75.

Quellen des kirchlichen Lehramts

FRANZISKUS, Laudato si’. Enzyklika über die Sorge für das gemeinsame Haus, 24. Mai 2015.

https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html

LEO XIV., Dilexi te. Apostolische Exhortation über die Liebe zu den Armen, 4. Oktober 2025.

https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/apost_exhortations/documents/20251004-dilexi-te.html