Vom Sonnengesang zu Laudato si’

Franz von Assisi, der Sonnengesang und die Enzyklika Laudato si’ – 800 Jahre Wirkungsgeschichte

Am Abend des 3. Oktober 1226 starb Franz von Assisi bei der Portiuncula unterhalb der Stadt. Achthundert Jahre später ist er eine der wenigen Gestalten des Mittelalters, auf die sich Kirche, Kultur und Umweltbewegung gleichermassen berufen. Ein Text trägt diese Wirkung wie kein anderer: der Sonnengesang. Von ihm führt eine lange, nicht immer geradlinige Linie bis zur Enzyklika Laudato si’, mit der Papst Franziskus 2015 seinen Namenspatron ins Licht der kirchlichen Soziallehre rückte.

Dieser Beitrag zeichnet die Linie nach. Er fragt, was auf dem Weg gewonnen und was geglättet wurde.

Der Sonnengesang: ein Lob aus der Dunkelheit

Die Entstehung des Canticum fratris solis lässt sich nicht genau datieren. Vermutlich dichtete Franziskus den Text in mehreren Etappen in seinen letzten Lebensjahren. Die Strophe über den Tod kam wohl erst kurz vor seinem Sterben 1226 hinzu (vgl. Volker Leppin, Franz von Assisi, S. 180–181). Der Sonnengesang gilt als einer der ältesten Dichtungstexte in italienischer Volkssprache. Überliefert ist er in einer Handschrift aus der Mitte des 13. Jahrhunderts (Assisi, Codex 338).

Der Aufbau ist klar gegliedert:

  1. Gotteslob. Der Höchste allein verdient Lob, Ruhm und Ehre: « kein Mensch ist würdig, dich zu nennen. »
  2. Die Geschwister der Schöpfung. Bruder Sonne, Schwester Mond und die Sterne, Bruder Wind, Schwester Wasser, Bruder Feuer und « unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt. »
  3. Versöhnung. Lob für jene, die aus Liebe verzeihen und Krankheit und Bedrängnis ertragen.
  4. Schwester Tod. Selbst den Tod nennt Franziskus « Schwester » und lobt Gott durch ihn. Was Paulus den « letzten Feind » nennt (1 Kor 15,26), wird hier in die Geschwisterlichkeit der Schöpfung aufgenommen.

Der Kernvers lautet im umbrischen Original:

Laudato si’, mi’ Signore, per sora nostra matre terra, la quale ne sustenta et governa, et produce diversi fructi con coloriti flori et herba.

Zwei Beobachtungen sind für die Wirkungsgeschichte entscheidend. Erstens das kleine Wort per: Es kann « durch », « für » oder « wegen » bedeuten. Lobt die Schöpfung Gott, wird Gott für sie gelobt, oder beides? Die Offenheit ist kein Mangel, sondern Programm. Zweitens die Sprache der Geschwisterlichkeit: Die Geschöpfe stehen nicht unter dem Menschen, sondern neben ihm. Der Mensch selbst tritt erst spät auf. Er erscheint nicht als Herrscher, sondern als einer, der verzeiht, leidet und stirbt.

Und der Text blickt über den Tod hinaus: Wehe denen, die in Todsünde sterben, selig jene, denen « der zweite Tod » nichts anhaben kann. Das Gericht, das Franziskus und seiner Zeit selbstverständlich war, gehört zum Lied – auch wenn die Rezeption es meist ausblendet.

Sprachlich steht der Sonnengesang in einer biblischen Tradition. Er erinnert an den Lobgesang der drei jungen Männer im Feuerofen (Dan 3,57–88) und an Psalm 148. Beide Texte rufen Sonne und Mond, Sterne, Wind, Wasser, Feuer und Erde zum Gotteslob auf. Franziskus kannte sie aus dem Stundengebet. Neu bei ihm ist zweierlei: Er spricht die Geschöpfe als Brüder und Schwestern an, und er lobt Gott per sie – nicht nur durch sie, sondern auch für sie.

Der Sonnengesang ist damit kein ökologisches Manifest. Er ist ein Gebet, das die Welt von Gott her ordnet. Gerade darin liegt seine Sprengkraft.

Acht Jahrhunderte Wirkungsgeschichte

Rezeption: vom Heiligen zur Legende

Schon zwei Jahre nach seinem Tod wurde Franziskus heiliggesprochen (1228). Thomas von Celano verfasste im Auftrag des Papstes die erste Lebensbeschreibung, die Vita prima (1228/29). Das früheste Bild, die Tafel von Bonaventura Berlinghieri in Pescia (1235), zeigt einen strengen, asketischen Mann. Bonaventuras Legenda maior (1263) wurde danach zur verbindlichen Lebensbeschreibung des Ordens.

Mit der Zeit trat neben den historischen Franziskus der erzählte. Die Fioretti aus dem 14. Jahrhundert, mit der Vogelpredigt und dem Wolf von Gubbio, prägen das Bild bis heute. Sie sind jedoch rund hundert Jahre nach seinem Tod entstanden und als späte Quelle zu lesen. Dante setzte Franziskus im Paradiso (Gesang XI) ein Denkmal: Aus Assisi sei «der Welt eine Sonne geboren».

Zugleich zeigt die Geschichte des Ordens, wie schwer das Erbe zu institutionalisieren war. Im Armutsstreit verurteilte Papst Johannes XXII. 1323 mit Cum inter nonnullos die Lehre von der vollkommenen Besitzlosigkeit Christi und der Apostel. Die radikale Armut, auf die sich Franziskus berufen hatte, galt nun als häretisch. Die Spannung zwischen Charisma und Institution begleitet die Wirkungsgeschichte bis heute.

Lieder und Musik

Lebendig ist der Sonnengesang heute vor allem als Lied. Im deutschen Sprachraum prägt ihn das Laudato si von Winfried Pilz (1974). Sein Refrain « Laudato si, o mi Signore » ist aus Jugendgottesdiensten, Firmfeiern und Kirchentagen kaum wegzudenken. Damit wurden die Anfangsworte des Sonnengesangs zum Erkennungszeichen, lange bevor eine Enzyklika sie zum Titel machte.

Gerade dieses Lied zeigt aber auch die Ambivalenz der Rezeption: Es hat den Sonnengesang breit verankert, ihn aber zugleich aufgehellt. Die Strophen von Vergebung, Krankheit und Tod singt kaum jemand mit.

Vorbild: vom Ordensgründer zum Patron der Ökologie

Im 20. Jahrhundert verschob sich der Blick. 1967 machte der Historiker Lynn White in der Zeitschrift Science das jüdisch-christliche Herrschaftsverständnis für die ökologische Krise mitverantwortlich. Als Gegenfigur schlug er ausgerechnet Franziskus vor: als Schutzpatron der Ökologen. Papst Johannes Paul II. griff dies 1979 auf und erklärte Franziskus mit der Bulle Inter sanctos zum Patron der Ökologie. 1986 lud er die Religionen der Welt zum Friedensgebet nach Assisi.

2013 schliesslich wählte Kardinal Bergoglio als erster Papst den Namen Franziskus. Er begründete die Wahl mit drei Stichworten: der Mann der Armut, der Mann des Friedens, der Mann, der die Schöpfung liebt und bewahrt. Zwei Jahre später trug seine Umwelt- und Sozialenzyklika den Anfang des Sonnengesangs im Titel.

Diese Linie ist eindrücklich, aber sie verlangt Vorsicht. Franziskus war kein Umweltschützer im heutigen Sinn. Wer ihn dazu macht, überträgt eine moderne Kategorie auf einen mittelalterlichen Menschen – und verliert, was ihn ausmacht: die Verbindung von Gotteslob, gewählter Armut und Nähe zu den Ausgeschlossenen.

Laudato si’ und die ganzheitliche Ökologie

Mit Laudato si’ – Über die Sorge für das gemeinsame Haus (2015) hat Papst Franziskus den Sonnengesang in die kirchliche Soziallehre geholt. Was viele aus dem Kirchenlied kennen, wird hier zum Titel eines Lehrschreibens. Die Enzyklika beginnt mit dem Vers über « unsere Schwester, Mutter Erde. » Gleich danach fährt sie fort: Diese Schwester schreit auf wegen des Schadens, den wir ihr zufügen (LS 2). Was bei Franziskus Lob war, wird hier zur Klage.

Ausdrücklich stellt der Papst seinen Namenspatron an den Anfang:

Ich glaube, dass Franziskus das Beispiel schlechthin für die Achtsamkeit gegenüber dem Schwachen und für eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie ist. Er ist der heilige Patron all derer, die im Bereich der Ökologie forschen und arbeiten, und wird auch von vielen Nichtchristen geliebt.(LS 10)

Bemerkenswert ist die Reihenfolge: zuerst « das Schwache », dann die Ökologie. Franziskus zeige, so die Enzyklika weiter, wie untrennbar die Sorge um die Natur, die Gerechtigkeit gegenüber den Armen, das Engagement für die Gesellschaft und der innere Friede zusammengehören.

Genau das meint der Begriff der ganzheitlichen Ökologie, dem das vierte Kapitel gewidmet ist. Umwelt, Wirtschaft, Kultur und Alltag lassen sich nicht getrennt betrachten. Der Schlüsselsatz lautet: « Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise » (LS 139). Die Klage der Erde und die Klage der Armen sind darum gemeinsam zu hören (vgl. LS 49).

Hier liegt der eigentliche Ertrag der franziskanischen Linie – und zugleich ihre Korrektur. Die Enzyklika macht Franziskus nicht zum Naturschwärmer. Sie nimmt von ihm die Haltung: Staunen statt Verfügen, Geschwisterlichkeit statt Herrschaft, Nähe zu den Ausgeschlossenen statt Rückzug ins Private. Wer der Welt ohne diese Haltung begegnet, so warnt der Papst, verhält sich bald wie ein blosser Konsument oder Ausbeuter ihrer Ressourcen (vgl. LS 11). Franziskus erscheint so weniger als Programm denn als Vorbild, an dem sich eine andere Lebensweise einüben lässt.

Was bleibt nach 800 Jahren?

Die Wirkungsgeschichte des Sonnengesangs ist eine Geschichte der Aneignung. Jede Epoche hat in Franziskus gefunden, was sie suchte: den Heiligen der Armut, den Dichter, den Friedensstifter, den Patron der Ökologie. Laudato si’ fügt diese Bilder zusammen, indem sie an das erinnert, was im populären Bild oft fehlt: den Zusammenhang von Schöpfung und Gerechtigkeit.

Für die Ethik ergibt sich daraus eine Unterscheidung. Franziskus hat die Armut gewählt. Die meisten Menschen, die heute unter den Folgen der Klimakrise leiden, haben sie nicht gewählt. Ein franziskanischer Blick auf die Ökologie kann sich darum nicht mit persönlichem Verzicht begnügen. Er fragt nach den Strukturen, die anderen den Verzicht aufzwingen.

Der Sonnengesang beginnt mit dem Satz, kein Mensch sei würdig, Gott zu nennen. Vielleicht liegt darin seine aktuellste Botschaft: Was würde sich ändern, wenn wir der Erde und den Armen nicht als Verfügende, sondern als Geschwister begegneten?

Quellen

  • Franz von Assisi, Canticum fratris solis (um 1225), Assisi, Codex 338
  • Thomas von Celano, Vita prima (1228/29); Compilatio Assisiensis (13. Jh.); Fioretti (14. Jh., späte Quelle)
  • Volker Leppin, Franz von Assisi. Ein unbequemer Heiliger (2026), S. 180–181
  • Papst Franziskus, Enzyklika Laudato si’ (2015), Nr. 1–2, 10–11, 49, 139
  • Lynn White Jr., «The Historical Roots of Our Ecologic Crisis», Science 155 (1967)
  • Johannes Paul II., Bulle Inter sanctos (1979)

02.10.2026 FL